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Krankenhaus20. April 2026 10 min Lesezeit

Stromausfall im Krankenhaus: NEA-Test, Testpflichten und warum viele Notstromaggregate zu klein sind

Beim Test einer neuen Netzersatzanlage in einem deutschen Krankenhaus: Intensivstation 30 Minuten ohne Strom, Notaufnahme nur teilweise versorgt, Telefonanlage tot. Ein typisches Bild — und genau das ist das Problem.

Krankenhäuser gelten als gut vorbereitet auf Stromausfälle. Sie haben eine Netzersatzanlage, Wartungsverträge für die Anlage, und irgendwo im Ordner liegt ein Notfallplan. Das reicht, oder?

Beim Test einer neuen Netzersatzanlage in einem deutschen Krankenhaus — geplant, koordiniert, unter kontrollierten Bedingungen — zeigten sich Dinge, die im Ernstfall Leben kosten könnten:

  • Die Intensivstation war rund 30 Minuten ohne Strom
  • Die Notaufnahme war nur teilweise am Notstromkreis
  • Radiologie: komplett ausgefallen
  • Telefonanlage: tot
  • Rufanlagen: teilweise ausgefallen

Das ist kein Versagen eines schlecht organisierten Hauses. Das ist ein typisches Bild. Und genau das ist das Problem.

Verlassene Industrieanlage mit alten AEG-Generatoren — Symbol für veraltete Notstrominfrastruktur
Veraltete Netzersatzanlagen: Viele Aggregate in deutschen Krankenhäusern wurden vor 15–20 Jahren dimensioniert.

Warum die NEA allein kein Sicherheitskonzept ist

Die gesetzliche Mindestanforderung ist klar: Krankenhäuser müssen eine Notstromversorgung für mindestens 24 Stunden vorhalten. Kernbereiche wie Intensivstationen, Operationssäle, Beatmung und Brandschutz müssen dabei vorrangig versorgt werden.

Was die Norm nicht regelt: wie lange es dauert, bis der Strom tatsächlich dort ankommt, wo er gebraucht wird. Und welche Bereiche in der Planung schlicht vergessen wurden.

Ein deutliches Signal aus der Praxis: Bei TÜV-Prüfungen wies mehr als jedes vierte Notstromaggregat in deutschen Krankenhäusern wesentliche Mängel auf. Nur rund ein Drittel der geprüften Anlagen war mängelfrei. Das bedeutet konkret: Ein Teil der Häuser hat ein Aggregat, das im Ernstfall nicht anspringt. Der andere Teil hat ein funktionierendes Aggregat, aber ein unvollständiges Konzept dahinter.

Die häufigsten Probleme in der Praxis

1. Umschaltzeiten, die niemand kennt

Die Norm fordert eine automatische Umschaltung auf die Notstromversorgung innerhalb von maximal 15 Sekunden. Gut ausgebaute Systeme schaffen das deutlich schneller, sodass im Operationssaal kein Gerät die Unterbrechung bemerkt.

Aber: Nicht jede Station hängt am selben Notstromkreis. Nicht jedes Gebäude schaltet gleichzeitig um. Und nicht jeder Bereich ist überhaupt angeschlossen. 30 Minuten ohne Strom auf der Intensivstation sind kein Einzelfall. Sie sind das Ergebnis einer Planung, die nie unter realen Bedingungen getestet wurde.

2. Teilversorgung statt Vollversorgung

Die Notaufnahme 'teilweise am Notstrom' klingt besser als es ist. Im Ernstfall weiß das Personal nicht immer, welche Steckdosen am Notstromkreis hängen und welche nicht. Grüne Steckdosen liefern Notstrom, weiße nicht. Ohne vorherige Schulung ist das im Stressmoment keine selbstverständliche Information.

3. Kommunikation bricht zuerst zusammen

Telefonanlage tot, Rufanlagen teilweise ausgefallen: Das ist der unterschätzte Dominoeffekt. Wenn Strom fehlt, bricht die interne Kommunikation zusammen. Ohne funktionierende Telefonanlage gibt es keine strukturierten Meldewege. Ohne Rufanlage laufen Pflegekräfte, statt zu kommunizieren. Das kostet Zeit und bindet Kapazität genau dann, wenn beides fehlt.

4. Radiologie, IT und KIS: die stillen Ausfälle

Radiologie ausgefallen klingt nach einer planbaren Einschränkung. Ist es aber nicht. Der Operationssaal selbst ist in der Regel am Notstrom und funktioniert. Aber: Wer entscheidet präoperativ, ob ein Patient operiert werden kann, wenn das CT im Schockraum ausgefallen ist? Wer versorgt den Traumapatienten in der Notaufnahme ohne Röntgen? Die Bildgebung ist keine Zusatzleistung, sie ist die Grundlage klinischer Entscheidungen. Fällt sie aus, stockt der gesamte Patientenpfad.

Dasselbe gilt für das Krankenhausinformationssystem. Schon kurze Stromunterbrechungen können ein Krankenhaus an die Grenze der Betriebsfähigkeit bringen, weil elektronische und rechnergestützte Geräte grundsätzlich keine Unterbrechung tolerieren. USVs sollen diese Lücke schließen — aber nur dann, wenn sie vorhanden, geladen und für die richtigen Systeme dimensioniert sind. In der Praxis ist das häufig nicht der Fall. Der häufigste Fehler: Installateure orientieren sich bei der Dimensionierung ausschließlich an der Nennleistung der angeschlossenen Geräte, ohne Einschaltströme, gleichzeitige Spitzenlasten oder künftige Erweiterungen einzukalkulieren.

5. Das Aggregat läuft — und dann?

Ein dokumentierter Realfall aus Berlin zeigt, wie es eskalieren kann: Das Notstromaggregat sprang beim Stromausfall korrekt an und lief stundenlang stabil. Am Abend begannen erste Aussetzer. Kurz danach fiel es vollständig aus. 23 Intensivpatienten mussten verlegt werden, 22 davon mit Notarztbegleitung. Die Anlage war regulär gewartet, regelmäßig getestet, normkonform. Trotzdem war sie kein echtes Sicherheitskonzept, weil niemand durchgeplant hatte, was bei einem längeren Ausfall passiert.

6. Dieselversorgung: der blinde Fleck im Notfallplan

Krankenhäuser müssen Kraftstoffvorräte für mindestens 24 Stunden Notstrombetrieb vorhalten. Das ist gesetzlich geregelt. Was nicht geregelt ist: was danach passiert.

Bei einem lokalen Stromausfall ist Nachbetankung in der Regel kein Problem. Bei einem flächendeckenden Ausfall oder einem großräumigen Katastrophenereignis ist die Lage eine andere: Tankstellen funktionieren ohne Strom nicht. Lieferketten sind unterbrochen. Das THW und andere Behörden priorisieren eigenständig. Wer dann als erstes Kraftstoff bekommt, ist keine technische Frage mehr, sondern eine logistische und politische.

Die entscheidende Frage: Hat Ihr Haus einen verbindlichen Rahmenvertrag mit einem Mineralölhändler, der eine Nachlieferung im Krisenfall garantiert? Mit definierten Reaktionszeiten, priorisierten Lieferkategorien und einem Ansprechpartner, der auch nachts erreichbar ist? In der Realität hat das so gut wie kein Krankenhaus. Es gibt Wartungsverträge für die Anlage. Es gibt Tankvolumen für 24 Stunden. Und dann gibt es die stille Annahme, dass schon jemand Diesel liefern wird. Das ist kein Konzept.

Wie oft muss die NEA getestet werden — und wie?

Das ist eine der am häufigsten unterschätzten Fragen. Viele Häuser führen monatlich einen Probelauf durch. Was dabei oft fehlt: die tatsächliche Last.

Was die Norm vorschreibt: Gemäß DIN VDE 0100-718 und DIN 6280-13 sind monatliche Funktionstests mit mindestens 50 Prozent der Nennleistung für mindestens eine Stunde vorgeschrieben. Für medizinische Einrichtungen gilt eine schärfere Anforderung: 80 Prozent der Nennlast, monatlich. Ein reiner Leerlauf-Probelauf ist nicht nur unzureichend — er kann den Motor durch Ablagerungen und Versottung der Abgasanlage langfristig sogar beschädigen.

Was in der Praxis häufig passiert: Das Aggregat wird gestartet, läuft einige Minuten im Teillastbetrieb, und es wird abgehakt. Das ist kein Test. Das ist eine Bestätigung, dass die Maschine anspringt.

Mobiler Atlas-Copco-Stromerzeuger als Notstromaggregat im Außeneinsatz
Mobile Notstromaggregate: Nur mit regelmäßigem Lasttest unter realen Bedingungen zuverlässig einsetzbar.

Was ein echter Lasttest bedeutet:

  • Die Anlage läuft mindestens eine Stunde unter realer oder simulierter Last (80 % Nennleistung)
  • Alle Umschaltzeiten werden je Bereich gemessen und protokolliert
  • Startverhalten, Öldruck, Motortemperatur und Spannungsstabilität werden dokumentiert
  • Es wird geprüft, welche Bereiche tatsächlich versorgt werden und welche nicht
  • Kommunikationswege werden unter Notstrombedingungen getestet

Zusätzlich schreibt die DGUV Vorschrift 3 eine jährliche elektrische Prüfung ortsfester Anlagen vor — stationäre elektrische Anlagen müssen alle zwei Jahre umfassend überprüft werden. Das betrifft auch die NEA als Teil der elektrischen Gesamtanlage. Alle Tests müssen schriftlich dokumentiert werden. Wer das nicht tut, hat bei einem Schadensfall ein ernstes Haftungsproblem.

Wann wurde die NEA eingebaut — und reicht sie noch?

Das ist die Frage, die fast niemand stellt. Viele Netzersatzanlagen in deutschen Krankenhäusern wurden vor 15, 20 oder mehr Jahren installiert. Zum Zeitpunkt der Planung und Dimensionierung war das Haus anders aufgestellt: weniger Intensivbetten, ältere Medizintechnik, keine flächendeckende digitale Infrastruktur, kein modernes CT oder MRT mit entsprechendem Strombedarf.

Mit wachsenden medizinischen Anforderungen, neuer Medizintechnik und dem stetigen Ausbau von Krankenhäusern steigt der Energiebedarf. Das Problem: Die bestehende NEA wurde nie neu bewertet. Sie läuft zwar — aber unter Volllast im Ernstfall fehlt schlicht die Kapazität.

Was passiert, wenn die NEA zu klein ist: Die Anlage springt an und übernimmt die Versorgung. Sobald jedoch alle priorisierten Verbraucher gleichzeitig laufen — was im Ernstfall der Fall ist — kommt die Anlage an ihre Leistungsgrenze. Das Ergebnis: Spannungsabfälle, instabiler Betrieb, Geräteausfälle, und im schlimmsten Fall ein vollständiger Zusammenbruch des Notstromsystems.

Die entscheidenden Fragen, die regelmäßig gestellt werden müssen:

  • Wann wurde die NEA dimensioniert, und was hat sich seitdem im Haus verändert?
  • Wurde der Strombedarf nach Erweiterungen, Umbauten oder neuen Geräten aktualisiert?
  • Gibt es eine aktuelle Lastanalyse, die Einschaltströme und Spitzenlasten berücksichtigt?
  • Ist die Anlage auf künftige Erweiterungen ausgelegt?

Vor jeder Erweiterung der Infrastruktur oder Beschaffung leistungsstarker neuer Geräte muss geprüft werden, ob die Notstromversorgung die neue Last überhaupt tragen kann. Diese Überprüfung findet in der Praxis selten statt, weil sie zwischen Haustechnik, Einkauf und Medizintechnik fällt und niemand klar zuständig ist.

Was ein echter NEA-Test leisten muss

Ein NEA-Test ist kein Selbstzweck. Er ist ein Diagnoseinstrument. Was er zeigen soll:

  • Welche Bereiche sind tatsächlich am Notstromkreis angeschlossen?
  • Wie lange dauert die Umschaltung je Station und Gebäudeteil?
  • Welche Kommunikationswege bleiben intakt, welche fallen aus?
  • Wer weiß, was zu tun ist — und wer nicht?
  • Welche Geräte haben USV-Absicherung, und reicht deren Kapazität?
  • Was passiert nach 2 Stunden, nach 8 Stunden, nach 24 Stunden?

Wenn diese Fragen nach dem Test nicht beantwortet sind, hat der Test seinen Zweck verfehlt.


Fazit

Ein funktionierendes Notstromaggregat ist notwendig. Es ist aber kein Konzept.

Echte Resilienz im Krankenhaus entsteht, wenn die Lücken zwischen technischer Anlage und klinischem Alltag bekannt sind und geschlossen wurden. Wenn die Anlage regelmäßig unter realer Last getestet wird. Wenn die Kapazität mit dem Wachstum des Hauses Schritt gehalten hat. Und wenn das Personal weiß, was in den ersten 60 Minuten zu tun ist.

Das geht nicht durch Planung im Büro. Das geht nur durch testen, dokumentieren und nacharbeiten.

Quellen

  • Höhne, C. & Lenz, K.: Versorgungssicherung: Was tun bei einem Stromausfall im Krankenhaus. Deutsches Ärzteblatt, 2024. https://www.aerzteblatt.de/archiv/210611
  • PSG Elektronik: USV-Anlagen im Krankenhaus: Anforderungen normgerecht erfüllen, 2026. https://psg-elektronik.com/usv-anlagen-krankenhaus-din-vde-0834
  • WA Stromerzeuger: Wartung von Netzersatzanlagen. Anforderungen nach DIN VDE 0100-718 und DIN 6280-13. https://www.wa-stromerzeuger.de/service/wartung-und-reparatur-an-notstromanlagen
  • Saurugg, H.: Informationen zu Notstromaggregaten. TÜV-Prüfstatistik. https://www.saurugg.net/blackout/vorbereitungen-auf-ein-blackout/notstromversorgung
FS

Fabian Schmidt

Notarzt · Freier Sachverständiger · Gründer der Notfallakademie

Fabian Schmidt ist Arzt mit Zusatzbezeichnung Notfallmedizin, Sanitätsoffizier der Bundeswehr und Gründer der Notfallakademie. Er berät Krankenhäuser, Kommunen und Unternehmen im Krisenmanagement und forscht zu Resilienz und Notfallvorsorge.

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