Krankenhauseinsatzleitung (KEL): Aufbau, Rechtsgrundlagen und warum sie in den meisten Häusern nur auf dem Papier funktioniert
97,5 % der deutschen Krankenhäuser verfügen formal über eine Krankenhaus-Alarm- und Einsatzplanung. Gleichzeitig hat mehr als drei Viertel die KEL unter realistischen Bedingungen noch nie geübt. Das Dokument existiert. Die Organisation dahinter nicht.
Fast alle deutschen Krankenhäuser haben einen Krankenhaus-Alarm- und Einsatzplan. Und fast keines ist wirklich darauf vorbereitet, ihn anzuwenden.
Das ist nicht Spekulation. Das ist das Ergebnis einer bundesweiten Studie, die Anfang 2025 in der Fachzeitschrift Notfall + Rettungsmedizin erschienen ist. Von 1.065 befragten Krankenhäusern verfügten 97,5 Prozent formal über eine Krankenhaus-Alarm- und Einsatzplanung (KAEP). Gleichzeitig zeigten sich erhebliche Defizite: bei der Aktualität der Pläne, bei der Übungspraxis und bei der operativen Umsetzung.
Das Dokument existiert. Die Organisation dahinter nicht.
Im Zentrum dieser Organisation steht die Krankenhauseinsatzleitung, kurz KEL. Was sie ist, wie sie funktioniert, was sie können muss — und warum sie in der Praxis so oft ein theoretisches Konstrukt bleibt.
Was ist die KEL?
Die Krankenhauseinsatzleitung ist die Führungsstruktur eines Krankenhauses in Gefahren- und Schadenslagen. Sie übernimmt die Führung und Koordination, wenn die regulären Führungs- und Entscheidungsstrukturen des Hauses nicht mehr ausreichen oder in der Akutlage nicht schnell genug handlungsfähig sind.
Ihr Ziel ist klar definiert: Schäden von Patienten, Mitarbeitenden und Liegenschaften abwenden und schnellstmöglich einen geordneten Betrieb wiederherstellen.
Die KEL wird aktiviert bei:
- Massenanfall von Verletzten (MANV): Die klassische externe Ausnahmesituation
- Internen Notlagen: Brand, Stromausfall, Cyberangriff, polizeiliche Lagen
- Externen Katastrophen: Naturkatastrophen, Pandemien, Terrorlagen, Evakuierungen
- Geplanten Szenarien: Vorsorglich bei Großveranstaltungen oder Wartungsarbeiten, die kritische Systeme betreffen
Was viele Häuser dabei unterschätzen: Die KEL ist nicht nur für den MANV da. Interne Lagen wie ein mehrstündiger IT-Ausfall oder ein Stromausfall mit Teilversorgung sind in der Praxis wahrscheinlicher als ein Terroranschlag — und erfordern dieselbe strukturierte Führung.
Rechtsgrundlagen: Pflicht, aber föderales Flickwerk
Krankenhäuser gelten als Kritische Infrastruktur (KRITIS). Aus dieser Einordnung folgt die gesetzliche Pflicht zur Krankenhaus-Alarm- und Einsatzplanung, in der die KEL als Führungsstruktur verankert ist.
Die rechtliche Grundlage ist allerdings kein einheitliches Bundesgesetz. Die Gesetzgebungskompetenz liegt bei den Ländern. Die KAEP-Verpflichtung findet sich je nach Bundesland in Krankenhausgesetzen, Rettungsdienstgesetzen oder Katastrophenschutzgesetzen. Inhalt, Detailtiefe und Konsequenzen bei Nichtumsetzung variieren erheblich.
Was bundesweit einheitlich gilt: Das Handbuch KAEP des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) definiert den fachlich etablierten Standard. Es ist nicht rechtsverbindlich, aber es ist der Maßstab, an dem sich Häuser bei Schadensfällen messen lassen müssen.
Praktische Konsequenz dieser föderalen Struktur: Keine einheitlichen Mindeststandards für Schulungen, keine bundesweit geregelte Übungspflicht, keine klare Finanzierungsverantwortung. Ob Übungen stattfinden, hängt in den meisten Ländern allein vom Krankenhaus ab.
Aufbau: KEL und opKEL
Operative KEL (opKEL)
Die opKEL ist die sofort handlungsfähige Erstreaktion. Sie besteht aus dem diensthabenden Personal, das zum Zeitpunkt des Ereignisses verfügbar ist: typischerweise der diensthabende Oberarzt oder Facharzt der Anästhesiologie oder Unfallchirurgie, Pflegedienstleitung vom Dienst, technischer Dienst und Logistik.
Die opKEL übernimmt die Führung ab dem Moment der Alarmierung bis die vollständige KEL eingetroffen ist. Sie bewertet die Lage, entscheidet über die Eskalationsstufe und gibt die Information weiter, ob und in welchem Umfang die KEL aufgebaut wird.
Das ist eine kritische Phase. In den ersten 15 bis 30 Minuten eines Ereignisses wird entschieden, ob das Haus strukturiert reagiert oder im Chaos agiert. Wer in dieser Phase keine klare opKEL-Struktur hat, verliert wertvolle Zeit.
Vollständige KEL
Die KEL ist als Stab nach dem S-System (S1 bis S6) aufgebaut, analog zur FwDV 100. Die Besetzung der einzelnen Stabsfunktionen legt jedes Haus individuell im KAEP fest. Typische Besetzung:
- S1 – Personal/Innerer Dienst: Personalleitung, HR
- S2 – Lage/Dokumentation: Sekretariat KEL-Leiter, Lagekartenführung
- S3 – Einsatz/Koordination: Ärztlicher Direktor, Pflegedirektion
- S4 – Versorgung/Logistik: Technischer Leiter, Logistik, Apotheke
- S5 – Presse/Kommunikation: Unternehmenskommunikation
- S6 – IT/Kommunikationstechnik: IT-Leitung, Medizintechnik
Zusätzlich sind Fachberater und Verbindungspersonen vorgesehen, die je nach Lage hinzugezogen werden: Feuerwehr, Polizei, THW, Gesundheitsamt, weitere Krankenhäuser.
Die KEL handelt im Auftrag der Klinikleitung. Ihr Leiter muss vor Eintritt eines Ereignisses benannt sein und braucht klar umrissene Weisungsbefugnisse, die alle Bereiche des Hauses umfassen. Ohne diese Befugnis funktioniert keine Stabsarbeit unter Druck.
Die Lücke zwischen Plan und Realität
Die bundesweite Studie aus 2025 hat die Situation klar benannt:
- Niedrigschwellige interne Schulungsangebote zur KAEP existieren nur in 46,9 % der Krankenhäuser
- Spezifische Schulungskonzepte werden in durchschnittlich 16,6 % der Häuser angeboten
- Regelmäßige KAEP-Übungen finden in 66,3 % der Häuser statt
- Vollübungen, bei denen die gesamte KEL unter realistischen Bedingungen arbeitet, finden in außeruniversitären Einrichtungen nur in durchschnittlich 24 % der Fälle statt
Das bedeutet konkret: Drei von vier Krankenhäusern ohne Universitätsstatus haben ihre KEL noch nie als Ganzes unter Belastung getestet.
Eine separate Untersuchung aus Niedersachsen kommt zu einem ähnlichen Befund: Die erforderlichen Alarm- und Einsatzpläne sind in Teilen nicht mehr aktuell oder unvollständig. Die gleichzeitige Behandlung einer großen Anzahl Verletzter oder Erkrankter wird in der Regel nur noch selten geübt.
Das BBK selbst stellt fest, dass die Umsetzung des KAEP-Konzepts eine 'gesamte Organisation fordernde Aufgabe' ist, 'die mit der Fertigstellung eines individualisierten Handbuchs nicht endet, sondern fortdauernd einen Aktualisierungs-, Schulungs- und Übungsbedarf in erheblichem Umfang generiert.'
Warum das so ist — und wer dafür verantwortlich ist
Ressourcen fehlen
Der KAEP-Verantwortliche braucht Zeit, Weisungsbefugnis und eine zumindest partielle Freistellung von Routineaufgaben. In den meisten Häusern ist das weder finanziell noch strukturell vorgesehen.
Gesetzlicher Druck fehlt
Die Verpflichtung zur KAEP ist in vielen Ländern nicht mit klaren Rechtsfolgen verknüpft. Aufsichtsrechtliche Konsequenzen bei Nichtumsetzung oder veralteten Plänen sind selten. Das nimmt den Druck, den klinische und wirtschaftliche Alltagsaufgaben ohnehin nicht lassen.
Stabsarbeit ist kein klinischer Modus
Die FwDV-100-basierte Stabsstruktur weicht von den alltäglichen Führungsstrukturen eines Krankenhauses fundamental ab. Hierarchien werden abgeflacht, Entscheidungskompetenzen verschoben, Prozesse standardisiert. Das ist gewöhnungsbedürftig und erklärungsbedürftig. Wer es nicht regelmäßig übt, kann es im Ernstfall nicht.
Der MANV-Fokus verstellt den Blick
Viele Häuser haben ihre KEL primär auf den Massenanfall von Verletzten ausgerichtet. Interne Lagen wie IT-Ausfall, Stromausfall, Brand in einem Versorgungsbereich oder Personalausfall bei einer Infektionswelle kommen seltener vor — und werden deshalb seltener geübt. Dabei sind genau diese Lagen statistisch häufiger und stellen die KEL vor andere, oft schwierigere Fragen als ein klassischer MANV.
Was eine funktionierende KEL braucht
Benennung und Qualifikation
Der KEL-Leiter muss namentlich benannt, qualifiziert und mit Weisungsbefugnis ausgestattet sein. Dasselbe gilt für alle Stabsfunktionen und ihre Stellvertreter — jeweils für alle Tages- und Nachtzeiten.
Aktueller und hausspezifischer Plan
Der KAEP muss das tatsächliche Haus abbilden, nicht eine Mustervorlage. Er muss die reale Alarmierungskaskade, die tatsächlichen Raumverhältnisse und die aktuellen Ansprechpartner enthalten. Veraltete Telefonlisten kosten im Ernstfall Minuten.
Eskalationsstufen mit klaren Auslösekriterien
Wann wird die opKEL aktiviert? Wann folgt die Vollalarmierung der KEL? Diese Schwellenwerte müssen definiert und bekannt sein, bevor ein Ereignis eintritt.
Regelmäßige Schulung und Übungen unter realistischen Bedingungen
Teilübungen einzelner Sachgebiete sind ein Anfang. Vollübungen, bei denen die gesamte KEL unter zeitlichem Druck und mit unvollständigen Informationen arbeitet, sind der Maßstab. Nur sie zeigen, wo die Struktur wirklich hält — und wo sie bricht.
Nachbereitung und Fortschreibung
Jede Übung und jeder Realeinsatz muss strukturiert ausgewertet und die Erkenntnisse in den Plan eingearbeitet werden. Der KAEP ist kein abgeschlossenes Dokument, er ist ein fortlaufender Prozess.
Fazit
Die KEL ist das Herzstück des Krisenmanagements im Krankenhaus. Sie bündelt alle Entscheidungen, koordiniert alle Ressourcen und hält die Kommunikation nach innen und außen strukturiert aufrecht.
Dass fast alle Häuser formal über eine KAEP verfügen, ist gut. Dass mehr als drei Viertel der Häuser ihre KEL unter realistischen Bedingungen nie geübt haben, ist ein ernstes strukturelles Problem, das nicht durch das Vorhandensein eines Dokuments gelöst wird.
Ein Krankenhaus, das seine KEL nicht übt, weiß nicht, ob sie funktioniert. Es hofft es nur.
Im nächsten Artikel dieser Serie: Kommunale Stabsmodelle im Katastrophenschutz — das Einstab- und das Zweistabmodell, ihre jeweiligen Stärken und Schwächen, und was die Forschung dazu sagt.
Quellen
- Bardt H. et al.: Status quo der Krankenhausalarm- und -einsatzplanung in Deutschland. Notfall + Rettungsmedizin, Springer Nature, 2025. https://link.springer.com/article/10.1007/s10049-025-01578-5
- DocCheck Flexikon: Krankenhauseinsatzleitung (KEL). https://flexikon.doccheck.com/de/Krankenhauseinsatzleitung
- Kram, R.: Krankenhauseinsatzleitung (KEL) — Welche Struktur eignet sich am besten? Universitätsklinikum Düsseldorf.
- Derkrankenhaus-justitiar.de: Das Kriseninstrument der Krankenhausalarm- und Einsatzplanung. 2024. https://derkrankenhaus-justitiar.de/aktuelles/das-kriseninstrument-der-krankenhausalarm-und-einsatzplanung
- BBK / DAKEP: Handbuch Krankenhausalarm- und Einsatzplanung (KAEP). Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe.
- Niedersächsisches Landesgesundheitsamt: Musterplan Krankenhausalarm- und Einsatzplan. 2008. https://www.aekn.de/fileadmin/inhalte/pdf/infos-fuer-klinik-und-praxis/KAEP.pdf
- Niedersächsisches Ministerium für Inneres, Sport und Digitalisierung: Krankenhaus-Alarm- und Einsatzplan (KAEP). https://www.mi.niedersachsen.de
- Sicheres-krankenhaus.de: Organisation und Training einer Krankenhauseinsatzleitung KEL. https://www.sicheres-krankenhaus.de
- Wurmb T. et al.: Alarm- und Einsatzplanung im Krankenhaus. Anästhesiologie Intensivmedizin Notfallmedizin Schmerztherapie, 2017; 52: 594–605.
Fabian Schmidt
Notarzt · Freier Sachverständiger · Gründer der Notfallakademie
Fabian Schmidt ist Arzt mit Zusatzbezeichnung Notfallmedizin, Sanitätsoffizier der Bundeswehr und Gründer der Notfallakademie. Er berät Krankenhäuser, Kommunen und Unternehmen im Krisenmanagement und forscht zu Resilienz und Notfallvorsorge.
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