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KRITIS1. Mai 2026 12 min Lesezeit

Das europäische Verbundnetz: Warum die Transparenz unserer Strominfrastruktur ein unterschätztes Krisenrisiko ist

Die ENTSO-E veröffentlicht Lastflüsse, Topologiedaten und Echtzeit-Engpässe im europäischen Übertragungsnetz — öffentlich, maschinenlesbar und hochauflösend. Was das für Krisenszenarien bedeutet, wird selten diskutiert.

Im Jahr 2006 löste eine planmäßige Abschaltung einer 380-kV-Leitung über die Ems in Deutschland eine Kettenreaktion aus, die innerhalb von Sekunden ganz Westeuropa in drei getrennte Inseln zerriss. Frankreich, die Iberische Halbinsel und Mitteleuropa wurden voneinander getrennt. Über 15 Millionen Haushalte verloren den Strom. Das Ereignis dauerte wenige Minuten. Seine Ursache war eine einzige Leitung.

Was an diesem Novembertag 2006 als technische Schutzmechanismen funktionierte, wäre unter anderen Bedingungen nicht beherrschbar gewesen. Die European Network of Transmission System Operators for Electricity — ENTSO-E — dokumentierte das Ereignis akribisch. Was dabei weniger diskutiert wird: Dieselbe Organisation stellt die vollständige Topologie des europäischen Übertragungsnetzes in öffentlichen Datenbanken zur Verfügung.

Was ENTSO-E veröffentlicht — und warum das relevant ist

Die ENTSO-E Transparency Platform ist eine öffentlich zugängliche Datenbank, die nahezu in Echtzeit Informationen über das europäische Hochspannungsnetz bereitstellt: Lastflüsse, Engpassvorhersagen, Erzeugungskapazitäten, geplante und ungeplante Abschaltungen, Netzkapazitäten im grenzüberschreitenden Austausch.

Das ist keine Schwachstelle des Systems — es ist eine europäische Regulierungsanforderung. Die Transparenzverordnung (EU) Nr. 543/2013 schreibt diese Offenlegung explizit vor. Die Idee dahinter ist legitim: Ein transparenter Markt für Strom setzt voraus, dass Marktteilnehmer die Netzkapazitäten kennen. Handelsplätze, Bilanzkreisverantwortliche und Regelenergiemärkte funktionieren nur mit dieser Information.

Gleichzeitig bedeutet diese Offenheit: Wer verstehen will, wo das europäische Netz strukturell verletzlich ist, findet einen erheblichen Teil dieser Information in öffentlich zugänglichen Quellen.

Topologie, Lastfluss und das Problem der Kaskadenausfälle

Ein Hochspannungsnetz ist kein simples Leitungssystem. Es ist ein hochgradig vermaschtes Netz, in dem Lastflüsse nach den Gesetzen der Physik — nicht nach betriebswirtschaftlichen Präferenzen — fließen. Wenn eine Leitung ausfällt, verteilt sich ihr Lastanteil sofort auf alle parallel geführten Leitungen. Wenn eine davon dadurch überlastet wird und ebenfalls abschaltet, beginnt die Kaskade.

Das deutsche Übertragungsnetz wird von vier Übertragungsnetzbetreibern (ÜNB) betrieben: TenneT, 50Hertz, Amprion und TransnetBW. Ihre Netze sind untereinander und mit den Nachbarnetzen verbunden. Die Regelzonen dieser Betreiber sind klar abgegrenzt — und ihre Schnittstellen bekannt.

Was aus Sicht des Krisenmanagements interessiert: Engpässe treten nicht zufällig auf. Sie folgen strukturellen Mustern, die durch die Netztopologie und die geographische Verteilung von Erzeugung und Last vorgegeben sind. Diese Muster sind in aggregierter Form öffentlich.

Was das für Organisationen bedeutet, die von Strom abhängig sind

Die meisten Organisationen, mit denen wir in der Krisenberatung arbeiten, haben eine sehr begrenzte interne Vorstellung davon, welche Netzelemente für ihre Versorgungssituation relevant sind. Sie wissen, dass sie Strom vom Netz beziehen. Sie wissen, dass es einen Netzanschluss gibt. Was zwischen diesem Anschluss und dem Erzeugungspark liegt — welche Leitungen, welche Umspannwerke, welche Engpassbereiche — ist meist unbekannt.

Das ist kein Vorwurf. Es ist strukturell erklärbar: Diese Information war früher auch für Fachleute schwer zugänglich. Die regulatorisch erzwungene Transparenz hat das geändert. Wer die richtigen Quellen kennt, kann heute rekonstruieren, über welche Strukturen seine Versorgung läuft — und welche Ereignisse diese Struktur gefährden könnten.

Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen

Als KRITIS-Betreiber unterliegen Krankenhäuser ab einer bestimmten Größe der KRITIS-Verordnung und seit dem KRITIS-Dachgesetz auch erweiterten Resilienzanforderungen. Die Anforderung an Notstromversorgung (§ 14 BauONW, DIN VDE 0100-710, KRITIS-spezifische Auslegungen) deckt jedoch häufig nur kurzfristige Ausfälle von wenigen Stunden bis Tagen ab.

Ein struktureller Netzausfall — verursacht durch den Ausfall eines kritischen Netzknotens oder einer Engpassleitung — kann erheblich länger andauern. Das European Risk Assessment der ENTSO-E weist auf Szenarien hin, bei denen ein gleichzeitiger Ausfall mehrerer Netzelemente in ungünstiger Konfiguration zu Wiederherstellungszeiten von mehreren Tagen führen kann.

Kommunen und Behörden

Für Kommunen gilt: Die Versorgungsinfrastruktur ist territorial. Das bedeutet, eine Gemeinde ist in der Regel an einen regionalen Verteilnetzbetreiber angebunden, der seinerseits aus dem Übertragungsnetz versorgt wird. Der Lastfluss und die Systemdienstleistungen kommen aus einer überschaubaren Anzahl von Übergabepunkten.

Eine Gemeinde, die ihre eigene Versorgungsstruktur kennt — welches Umspannwerk speist ihren Netzteil, welche Leitung führt dorthin, welche Redundanz besteht — kann eine fundierte Risikoanalyse für Versorgungsunterbrechungen erstellen. Ohne diese Information bleibt jeder Notfallplan bezüglich Blackout-Szenarien notgedrungen abstrakt.

Die eigentliche Herausforderung: Komplexität und Abhängigkeiten

Die Offenheit der Netztopologie ist nicht das eigentliche Problem. Das eigentliche Problem ist die Komplexität des Systems und die daraus resultierende Schwierigkeit, Ausfallszenarien vorherzusehen.

Das europäische Verbundnetz ist eines der komplexesten Regelungssysteme, das Menschen je gebaut haben. Es wird in Echtzeit in einem Gleichgewicht aus Erzeugung, Last und Netzkapazität gehalten — und dieser Ausgleich muss kontinuierlich, in Sekundenbruchteilen, erfolgen. Die Systemdienstleistungen (Primär-, Sekundär- und Tertiärregelenergie) sind darauf ausgelegt, normale Schwankungen zu absorbieren.

Was sie nicht absorbieren können, sind simultane, großflächige Störereignisse. Und deren Wahrscheinlichkeit steigt mit der Dezentralisierung der Erzeugung, der wachsenden Einspeisung aus erneuerbaren Energien mit volatiler Charakteristik, und dem gestiegenen Vernetzungsgrad mit Wechselstromtopologie.

Das Netz ist nicht schwächer als früher — aber seine Verwundbarkeit hat eine andere Qualität bekommen. Sie liegt weniger in einzelnen Leitungen als in der systemischen Komplexität. — Einschätzung eines Übertragungsnetzbetreibers, intern

Was Organisationen konkret tun können

Krisenmanagement bedeutet nicht, alle Risiken zu eliminieren. Es bedeutet, die eigene Verwundbarkeit zu kennen und daraus robuste Handlungskonzepte zu entwickeln.

  • Netzanschlussstruktur analysieren: Über welchen Netzbetreiber, welches Umspannwerk und welche Leitungsabschnitte wird die eigene Einrichtung versorgt? Wie viele Einspeisepunkte gibt es?
  • Notstromkapazität realistisch bewerten: Wie lange trägt die vorhandene Notstromversorgung bei welcher Last? Welche Systeme sind nicht redundant abgesichert?
  • Blackout-Szenario durchspielen: Was passiert nach 4 Stunden, nach 24 Stunden, nach 72 Stunden ohne Netzstrom? Wo bricht die Versorgungskette zuerst zusammen?
  • Kritische Abhängigkeiten identifizieren: Welche medizinischen Geräte, IT-Systeme, Kommunikationsmittel und Heizungs-/Kühlsysteme sind nicht notstromgesichert?
  • Reaktivierungsplanung erstellen: Wie wird die Einrichtung nach einem Blackout systematisch wieder hochgefahren? Welche Prioritätenreihenfolge gilt?

Fazit

Die Transparenz des europäischen Stromnetzes ist kein Konstruktionsfehler. Sie ist eine regulatorische Notwendigkeit für das Funktionieren der Energiemärkte. Aber sie verändert den Informationskontext, in dem Krisenplanung stattfindet.

Wer heute Krisenmanagement für einen stromabhängigen Betrieb entwickelt, ohne die Grundstruktur seiner Versorgung zu verstehen, plant an einem wichtigen Risikoparameter vorbei. Die Information ist verfügbar — die Frage ist, ob sie genutzt wird.

Bei der Notfallakademie unterstützen wir Organisationen dabei, genau diese Analyse durchzuführen: strukturiert, lagebezogen und mit einem klaren Blick auf das, was unter echtem Druck trägt.

FS

Fabian Schmidt

Notarzt · Freier Sachverständiger · Gründer der Notfallakademie

Fabian Schmidt ist Arzt mit Zusatzbezeichnung Notfallmedizin, Sanitätsoffizier der Bundeswehr und Gründer der Notfallakademie. Er berät Krankenhäuser, Kommunen und Unternehmen im Krisenmanagement und forscht zu Resilienz und Notfallvorsorge.

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