Alle Beiträge
Analyse7. Mai 2026 8 min Lesezeit

Flächendeckender Stromausfall: Was das Pilotprojekt in Ostwestfalen-Lippe zeigt

Was passiert, wenn der Strom in einer ganzen Region für mehrere Tage ausfällt? Das BBK-Pilotprojekt OWL hat es durchgespielt — und zeigt, wie weit die meisten Kommunen und Einrichtungen von echter Resilienz entfernt sind.

Ein mehrtägiger flächendeckender Stromausfall ist kein Extremszenario mehr. Extremwetterereignisse, Cyberangriffe auf Energieinfrastruktur, physische Sabotage an Umspannwerken — die Eintrittswahrscheinlichkeit eines längeren Stromausfalls in Teilen Deutschlands ist in den letzten Jahren gestiegen. Was das konkret bedeutet, hat das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) in einem Pilotprojekt in der Region Ostwestfalen-Lippe (OWL) untersucht.

Das Projekt hatte einen klaren Fokus: Nicht Ursachen, sondern Folgen. Nicht die Frage, wie ein Stromausfall verhindert wird — sondern wie Kommunen, Einrichtungen und die Bevölkerung mit ihm umgehen.

Die Ausgangslage: Interdependenzen unterschätzt

Das erste zentrale Ergebnis des OWL-Projekts ist auch das unbequemste: Die Abhängigkeit nahezu aller anderen Infrastrukturen von der Stromversorgung wird systematisch unterschätzt. In der Planung tauchen Strom und Kommunikation meist als getrennte Infrastrukturen auf. In der Realität sind sie verwoben.

Konkrete Beispiele aus dem Projekt:

  • Mobilfunkmasten fallen nach wenigen Stunden aus, weil ihre Notstromkapazität erschöpft ist — damit bricht Kommunikation für Einsatzkräfte und Bevölkerung zusammen
  • Krankenhäuser mit Notstromaggregat sind auf Kraftstoffnachschub angewiesen — der Nachschub erfordert funktionierende Logistik, die selbst stromabhängig ist
  • Wasserversorgung und Abwasserentsorgung sind elektrisch betrieben — nach Stunden ohne Strom sind auch diese Systeme gefährdet
  • Bargeldversorgung bricht zusammen, weil Geldautomaten und Kassensysteme ausfallen
  • Wärmversorgung im Winter: Zentralheizungen, die mit Strom gesteuert werden, liefern keine Wärme mehr — auch ohne direkten Gasmangel

Wer nur den Stromausfall plant, plant zu kurz. Eine Kaskade von Folgeausfällen ist der Normalfall — nicht die Ausnahme.

Die besondere Herausforderung: Zeit

Ein Stromausfall von zwei bis vier Stunden ist für die meisten Organisationen beherrschbar. Notstromaggregate überbrücken, kritische Prozesse werden manuell weitergeführt, der Betrieb läuft eingeschränkt weiter. Ab 24 Stunden ändert sich das Bild grundlegend.

Das OWL-Projekt hat drei Zeithorizonte unterschieden:

  • Bis 6 Stunden: Erste Ausfälle, Notstromsysteme aktiv, Kommunikation weitgehend stabil, Behörden aktivieren Krisenstrukturen
  • 6 bis 48 Stunden: Kraftstoff für Aggregate wird knapp, Kommunikationssysteme fallen aus, Versorgungsengpässe entstehen, Bevölkerungsbetreuung wird notwendig
  • Über 48 Stunden: Kritische Lage für vulnerable Gruppen (alte Menschen, Pflegebedürftige, Medizintechnikabhängige), flächenhafte Versorgungsprobleme, Koordinationskapazität der Behörden wird überstiegen

Kommunale Koordination: Das schwächste Glied

Eines der deutlichsten Ergebnisse des Projekts: Kommunen sind für einen mehrtägigen Stromausfall strukturell nicht vorbereitet. Nicht wegen fehlenden Willens — sondern wegen fehlender Ressourcen, klarer Zuständigkeiten und belastbarer Kommunikationsstrukturen.

Konkrete Lücken, die das OWL-Projekt identifiziert hat:

  • Keine aktuelle Übersicht über betreuungsbedürftige Personen im Gemeindegebiet (vulnerable Gruppen)
  • Keine vorbereiteten Wärme- und Notunterkünfte mit eigener Stromversorgung
  • Kein funktionierendes Kommunikationssystem, das unabhängig von Mobilfunk und Internet ist
  • Keine klare Aufgabenteilung zwischen Gemeinde, Landkreis, THW, Feuerwehr und anderen Akteuren
  • Kein trainierter Krisenstab, der die Koordination unter realen Bedingungen leisten kann

GIS als Planungswerkzeug

Das OWL-Projekt hat den Einsatz von Geographischen Informationssystemen (GIS) für die Krisenplanung erprobt und als wertvolles Instrument eingestuft. GIS erlaubt, kritische Infrastrukturen, vulnerable Bevölkerungsgruppen und Versorgungseinrichtungen räumlich zu erfassen und zu überlagern. Daraus entstehen konkrete Planungsgrundlagen: Wo sind die Engpässe? Welche Gebiete haben besonders hohen Betreuungsbedarf? Welche Zugangswege sind kritisch?

Für Kommunen bedeutet das: eine einmalige Investition in datenbasierte Krisenplanung, die für viele Szenarien nutzbar ist — nicht nur für Stromausfall.

Was Einrichtungen konkret tun können

Für Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen, Schulen und andere Einrichtungen ergeben sich aus dem OWL-Projekt konkrete Handlungsfelder:

  • Notstromversorgung: Kapazität und Laufzeit prüfen, Kraftstoffvorrat und Versorgungssicherheit klären
  • Kommunikation: Unabhängige Kommunikationsmittel (Satellitentelefon, Funkgerät) für Ausfallsituationen bereithalten
  • Abhängigkeiten kennen: Welche Systeme und Geräte brauchen Strom? Was ist ohne Strom noch betreibbar?
  • Evakuierungsplan für den Fall, dass der Betrieb nicht aufrechterhalten werden kann
  • Absprachen mit der Kommune: Wer informiert wen? Welche Ressourcen können gegenseitig genutzt werden?

Verbindung zu anderen Szenarien

Der Stromausfall ist kein isoliertes Szenario. Vieles, was für ihn gilt, gilt auch für andere Krisenlagen: Lieferkettenunterbrechungen, Pandemien, IT-Ausfälle. Die strukturellen Schwachstellen — keine Übersicht über Abhängigkeiten, kein klarer Krisenstab, keine geübten Kommunikationswege — treten in allen Szenarien auf.

Wer die Planung für einen flächendeckenden Stromausfall ernst nimmt, entwickelt damit gleichzeitig Krisenresilienz für viele andere Lagen. Das macht das Thema zu einem guten Einstieg in die strukturierte Notfallplanung.


Fazit

Das OWL-Pilotprojekt zeigt, was echte Krisenplanung leistet: Sie macht sichtbar, was im Ernstfall fehlen wird. Die Erkenntnisse sind unbequem — aber konkret und handlungsleitend. Kommunen und Einrichtungen, die auf dieser Grundlage planen, sind einen erheblichen Schritt weiter als die, die auf ein Ereignis warten, das die Lücken sichtbar macht.

Quellen

  • Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK): BBK-Magazin 3/2018 — Kritische Infrastrukturen und kommunale Krisenplanung
  • BBK: Pilotprojekt Ostwestfalen-Lippe — Strom- und Kommunikationsausfall als Planungsszenario
  • BBK: Schutz Kritischer Infrastrukturen — Basisschutzkonzept
  • Bundesministerium des Innern (BMI): Nationale Strategie zum Schutz Kritischer Infrastrukturen (KRITIS-Strategie)
FS

Fabian Schmidt

Notarzt · Freier Sachverständiger · Gründer der Notfallakademie

Fabian Schmidt ist Arzt mit Zusatzbezeichnung Notfallmedizin, Sanitätsoffizier der Bundeswehr und Gründer der Notfallakademie. Er berät Krankenhäuser, Kommunen und Unternehmen im Krisenmanagement und forscht zu Resilienz und Notfallvorsorge.

Teilen

Notfallakademie

Schwachstellen erkennen, bevor sie zählen

Unsere Krisenmanagement-Analyse deckt strukturelle Lücken auf — bevor der Ernstfall sie sichtbar macht.

Zur Analyse

Krisenmanagement-Newsletter

Analysen, Fallstudien, neue Artikel — kein Spam.

Abmeldung jederzeit möglich. Kein Tracking. Gemäß Datenschutzerklärung.